{"id":64354,"date":"2026-11-02T16:47:34","date_gmt":"2026-11-02T20:47:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cambridgeassociates.com\/?p=64354"},"modified":"2026-11-02T16:52:27","modified_gmt":"2026-11-02T20:52:27","slug":"transformation-des-nachhaltigkeitsbegriffs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cambridgeassociates.com\/de\/insight\/transformation-des-nachhaltigkeitsbegriffs\/","title":{"rendered":"Transformation Des Nachhaltigkeitsbegriffs"},"content":{"rendered":"<p><em>Institutional Money &#8211; 2026<\/em><\/p>\n<p>Keine acht Jahre ist es her, dass das EU\u2011Sustainable\u2011Finance\u2011Paket verabschiedet wurde. Seither befindet sich das Thema Nachhaltigkeit im Wandel. Es gibt Investoren, die die Priorit\u00e4t des Themas etwas herunterstufen wollen und \u00fcberlegen, wie sie das kommunizieren sollen. Wom\u00f6glich gibt die SFDR 2.0 Gelegenheit dazu.<\/p>\n<p><strong><em>DER<\/em><\/strong> <strong><em>EUROP\u00c4ISCHE<\/em><\/strong> Nachhaltigkeits-begriff hat sich in den vergangenen acht Jahren st\u00e4rker ver\u00e4ndert als jede andere Investmentdoktrin. Was einst als moralisch motiviertes Ausschlussprinzip begann, ist heute ein geopolitisch gepr\u00e4gtes Risiko-konzept \u2013 und steht erneut vor einer regulatorischen Neudefinition. Gleichzeitig m\u00f6chten zahlreiche institutionelle Investo-ren ihre ESG-Strategien reduzieren oder anpassen, scheitern jedoch an operativen, reputativen und regulatorischen H\u00fcrden.<\/p>\n<h3><strong>Die 2010er: ESG als moralischer Kompass<\/strong><\/h3>\n<p>Vor knapp zehn Jahren war ESG vor allem ein normatives Projekt. Skandinavische Pensionskassen wie AP2, AP3 und AP4 sowie niederl\u00e4ndische Schwergewichte wie PFZW oder ABP setzten strenge Aus-schlusslisten um \u2013 fossile Energien, Tabak, kontroverse Waffen. Sie erfuhren f\u00fcr ihre nachhaltige Ausrichtung damals viel Aufmerksamkeit und Lob. Damals galt: Nachhaltigkeit ist ein Werturteil. So beto-nen niederl\u00e4ndische Pensionskassen, dass sie Kapital bewusst in nachhaltige Bahnen lenken wollen \u2013 damals h\u00e4ufig mit dem Argument, dass Ausschl\u00fcsse der st\u00e4rkste Hebel seien. Sander van Stijn, Leiter des Mandatsmanagements bei PGGM, dem Verm\u00f6gensverwalter mehrerer niederl\u00e4ndi-scher Pensionskassen, dr\u00fcckte es damals so aus: \u201eUnser Ziel ist es, ein Anlageportfolio aufzubauen, das markt\u00fcbliche Renditen erzielt, innerhalb eines akzeptablen Risikos bleibt und ein relativ hohes Ma\u00df an Nach-haltigkeit aufweist.\u201c<\/p>\n<p>Anfangs war die Datenlage d\u00fcnn, die Ratings waren widerspr\u00fcchlich und regu-latorische Leitplanken kaum vorhanden. ESG war ein Ideal \u2013 aber kein pr\u00e4zises Instrument. Jasper Rad\u00fc, Senior-PR-Bera-ter und Mitglied der Gesch\u00e4ftsleitung bei der Kommunikationsberatung PB3C, erin-nert sich: \u201eIn der Niedrigzinsphase wurde ESG in der Kommunikation vor allem aus einer ethischen Perspektive betrachtet. Das vorherrschende Narrativ war: Geld verdienen und etwas Gutes tun. Einge-spartes CO2 und ESG-Ratings wurden neben klassischen Finanzkennzahlen kommuniziert, um ver\u00e4nderten Anlegerpr\u00e4ferenzen gerecht zu werden.\u201c Ihm f\u00e4llt ein weiteres Ph\u00e4nomen auf: \u201eZus\u00e4tzlich wurden strukturelle \u00dcberrenditen ange-nommen und kommuniziert, die sich so aber nicht immer bewahrheitet haben.\u201c Marlene Waske, Senior Ethics Analyst bei Arete Ethik Invest, sieht hingegen Kosten, wenn man auf ESG verzichtet: \u201eIch finde es bedenklich, dass es immer noch Investoren gibt, die das Gef\u00fchl haben, dass es nichts kostet, auf Ethik und Nachhaltigkeit in der Anlage zu verzichten. Die Frage \u201aStehen da am Ende des Jahres 4, 5 oder 10 Prozent auf dem Depotauszug?\u2018 verzerrt die Pers-pektive. Wir sollten vielmehr fragen: Wie viel Prozent muss mir mein Depot dieses Jahr bieten, damit ich auf ein Jahr Lebens-zeit \u201asp\u00e4ter\u2018 verzichte?\u201c<\/p>\n<h3><strong>Die 2020er: ESG wird politisch und pragmatisch<\/strong><\/h3>\n<p>Mit der SFDR (2021) und der EU-Taxono-mie (2022) begann die Formalisierung. Nachhaltigkeit wurde messbar, pr\u00fcfbar, reguliert. Doch gleichzeitig verschob sich der Begriff. Ein wichtiger Wendepunkt war die Energiekrise 2022. Gas und Kernkraft wurden als \u201etaxonomiekonform\u201c eingestuft \u2013 ein politischer Kompromiss, der die ESG-Logik fundamental ver\u00e4nderte. Pl\u00f6tzlich war Kernenergie nicht mehr tabu, sondern Teil der L\u00f6sung auf dem Weg zur Zero-Emission von CO2.<\/p>\n<p>Parallel verschob sich der Fokus: ESG wurde zunehmend als Risikosteuerungsinstrument verstanden \u2013 weniger als moralisches Urteil. Man hatte verstanden, dass moralische Vor-stellungen facettenreich sind. Insbesondere Versicherer fokussierten sich lieber darauf, Lieferketten, Governance und Klimarisiken zu bewerten, als ideologisch unterwegs zu sein. Dazu Norbert Rollinger auf der GDV-Pressekonferenz 2023: \u201eF\u00fcr Versicherer ist Nachhaltigkeit ein zentraler Bestandteil des Risikomanagements.\u201c Er ist CEO der R+V Versicherung und GDV-Pr\u00e4sident.<\/p>\n<p>F\u00fcr Ratana Tra, Senior Investment Director f\u00fcr Sustainable &amp; Impact Investing bei Cam-bridge Associates, ist klar: \u201eNachhaltiges Investieren dient der Risikosteuerung. Kein Investor m\u00f6chte auf Anlagen sitzen, die nicht zukunftsf\u00e4hig sind. Es gilt, Stranded Assets in den Portfolios zu verhindern.\u201c Er sieht dabei einen deutlichen Unterschied zwischen liquiden und illiquiden M\u00e4rkten. \u201eWenn man als Kunde mit der Ausweitung des Nachhaltigkeitsbegriffs nicht einverstan-den ist, wird es bei Privatmarktanlagen deutlich schwieriger, die entsprechenden Investments zu verkaufen als in einem liquiden Portfolio. Au\u00dferdem sind Private-Markets-Anlagen im Regelfall langfristiger ausgerichtet. Daher m\u00fcssen sich Privatmarkt-anleger im Vorfeld mehr Gedanken \u00fcber die Gefahr von Stranded Assets machen als bei b\u00f6rsennotierten Werten.\u201c<\/p>\n<h3><strong>\u00d6konomische Interessen<\/strong><\/h3>\n<p>Den durch den Russland-Ukraine-Krieg ver-ursachten Verwerfungen am Energiemarkt folgte eine Fokussierung des Nachhaltig-keitsbegriffs auf \u00f6konomische Interessen. \u201eEntsprechend wurden ESG-Ma\u00dfnahmen st\u00e4rker wirtschaftlich geframt. ESG kann etwa die Resilienz durch autarke Energie-versorgung, die Wettbewerbsf\u00e4higkeit durch diverse Teams oder die Attraktivit\u00e4t als Arbeitgeber durch ein Mission State-ment steigern. Die reine Ethik ist in den Hintergrund ger\u00fcckt\u201c, stellt Rad\u00fc fest. Im Vordergrund sieht er nun strategische und wirtschaftliche \u00dcberlegungen, wie sich ESG positiv auf das eigene Gesch\u00e4ftsmodell auswirkt und dieses zukunftsf\u00e4hig macht. \u201eDarin liegt eine gro\u00dfe Chance, weil Nachhaltigkeit so als strategisches Steue-rungsinstrument greifbar wird und aus der esoterischen Ecke herauskommt, in der es mitunter steckte\u201c, meint Rad\u00fc.<\/p>\n<p>Ratana Tra sieht bei Investoren mehr Stabili-t\u00e4t als bei Regulatoren: \u201eEs scheint so zu sein, dass auf regulatorischer Seite der Nachhaltig-keitsbegriff flexibel gehandhabt wird, um die Kapitalstr\u00f6me in die jeweils gew\u00fcnschte Richtung zu lenken. Gl\u00fccklicherweise ist bei den Investoren die Sicht auf das Thema oft langfristiger und stabiler. Viele sind weniger beeinflusst von kurzfristigen \u00dcberlegungen als die Regulatoren, die auch politische Str\u00f6-mungen ber\u00fccksichtigen m\u00fcssen.\u201c Er hat viel mit Stiftungen und Family Offices zu tun, die oft sehr langfristige Interpretationen haben. So gibt es Investoren, die eigene wertebasierte Mindeststandards festlegen, die unabh\u00e4ngig von der Regulatorik sind: \u201eAls kirchlich gepr\u00e4gter Investor beziehungsweise als Institut mit klaren Leitlinien k\u00f6nnen wir uns nicht allein an der Regulatorik orientieren. Atomenergie, fossile \u00dcbergangs-technologien oder R\u00fcstung bleiben f\u00fcr uns hochsensibel und vielfach ausgeschlossen oder nur unter sehr engen Bedingungen denkbar\u201c, sagt Bernhard Graeber, Gesch\u00e4fts-f\u00fchrer und Leiter Real Assets bei EB-SIM, dem Asset Manager der Evangelischen Bank.<\/p>\n<h3><strong>Korrektur: Omnibus-Regulierung und SFDR 2.0<\/strong><\/h3>\n<p>Trotz solcher Beispiele zeigte sich bei Anwen-dung der Regulierung 1.0 nach und nach, dass die SFDR in der Praxis \u00fcberkomplex war. Auf einer Paneldiskussion 2024 erkl\u00e4rte Tilman L\u00fcder: \u201eWir haben deutlich erfah-ren, dass die SFDR in der Praxis zu komplex geworden ist und dass Anpassungen erfor-derlich sind.\u201c L\u00fcder ist Bereichsleiter f\u00fcr Wertpapierm\u00e4rkte in der EU-Kommission. Entsprechend begann die EU 2024\/25, die ESG-Regulatorik zu korrigieren. Es geht weiter in Richtung einer Vereinheitlichung, beinhaltet aber auch eine Entsch\u00e4rfung: weniger PAI-Indikatoren, klare Definitio-nen, vereinheitlichte Templates. Die geplante SFDR-Reform (SFDR 2.0) geht noch weiter: Artikel 8 und 9 k\u00f6nnten verschwinden und ersetzt werden durch die drei Begriffe \u201eSus-tainable\u201c, \u201eTransition\u201c, \u201eESG Improver\u201c. Wir stehen also vor der dritten ESG-Welle, in der die Labels neu sortiert und Strategien neu kalibriert werden m\u00fcssen. Mark McCombe, Chief Client Officer von BlackRock, sagte 2023 in einem Interview: \u201eWir treten in eine neue Phase des nachhaltigen Investierens ein, in der sich Rahmenbedingungen und Klas-sifizierungen weiterentwickeln werden und Anleger ihre Strategien entsprechend anpas-sen m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p>Die h\u00e4ufigen Anpassungen sind f\u00fcr Inves-toren herausfordernd: \u201eWir haben immer argumentiert, dass man eine Klassifizierung nach Artikel 8 oder 9 der SFDR nicht als Abk\u00fcrzung nehmen kann, wenn man als Anleger seiner selbst definierten Anlagepoli-tik treu bleiben m\u00f6chte. Man muss hinter den Vorhang schauen. Wie wird die Strate-gie im Portfolio tats\u00e4chlich umgesetzt? Das gilt mit den Ausweitungen der Nachhal-tigkeitsbegriffe und den \u00c4nderungen, die die SFDR 2.0 bringt, umso mehr\u201c, meint Ratana Tra. Wer die Kapazit\u00e4ten im eige-nen Haus nicht habe, k\u00f6nne sich f\u00fcr die Due Diligence externe Expertise besorgen. Heute lautet die Argumentation oft, dass man sich mehr an der praktischen Umsetzung als an ideell gepr\u00e4gten Zie-len orientieren sollte. Ein Beispiel ist die Tatsache, dass der immer weitere Ausbau von Wind und Photovoltaik allein den Energiebedarf nicht decken kann. Dies gilt insbesondere angesichts des hohen Strombedarfs von KI. Um eine konstan-te Stromversorgung zu gew\u00e4hrleisten, sind intelligente Netze, Stromspeicher, aber eben auch flexible konventionelle Energietr\u00e4ger notwendig. Aktuell kann n\u00e4mlich auf konventionelle Energiequel-len (noch) nicht verzichtet werden, um etwa bei Dunkelflaute die Energieversorgung sicherzustellen. Resilienz und praktische Zuverl\u00e4ssigkeit haben sich vor ethisch auf-geladene Versprechen geschoben.<\/p>\n<h3><strong>Ausstieg m\u00f6glich?<\/strong><\/h3>\n<p>Nach der anf\u00e4nglichen Euphorie flachte auch das Interesse der Investoren an nach haltigen Produkten ab. So schreibt der BVI: \u201eDer Markt f\u00fcr Fonds mit Nachhaltigkeits-merkmalen hat sich im zweiten Halbjahr 2025 weitgehend seitw\u00e4rts bewegt.\u201c Immer-hin verwalten BVI-Fonds gem\u00e4\u00df Artikel 8 beziehungsweise 9 der SFDR per Ende Dezember insgesamt rund 1.250 Milliarden Euro. \u201eNach umfangreichen nachtr\u00e4glichen Meldungen zu Umklassifizierungen im ers-ten Halbjahr 2025 stieg das Volumen der Spezialfonds mit Nachhaltigkeitsmerkma-len nur noch um weitere 2,8 Prozent auf 480 Milliarden Euro\u201c, teilt der BVI mit, wobei sich ein gro\u00dfer Teil des Zuwachses durch die positive Entwicklung an den Kapitalm\u00e4rkten und nicht durch Zufl\u00fcsse erkl\u00e4rt. Gebremste Euphorie also.<\/p>\n<p>Es ist auch zu beobachten, dass einige Investoren aus ESG wieder aussteigen m\u00f6chten. Ein Beweggrund daf\u00fcr d\u00fcrfte der Perfor-mancedruck sein. 2022\/23 schnitten viele ESG-Strategien schlechter ab, weil Energie und R\u00fcstungswerte ausgeschlossen waren. Der niederl\u00e4ndische Pensionsfonds PFZW reduzierte 2023 seine Ausschl\u00fcsse mit der Begr\u00fcndung: \u201eWir m\u00fcssen die Balance zwischen Nachhaltigkeit und Rendite neu finden.\u201c<\/p>\n<p>Ein weiterer Grund sind Risiken, die man lange nicht auf dem Schirm hatte: Green-washing-Risiken. ESMA und nationale Aufseher pr\u00fcfen Nachhaltigkeitsaussagen heute aggressiver als in den Anf\u00e4ngen der Nachhaltigkeitsbewegung. Insofern kann ein ESG-Label heute ein Reputations- und Haftungsrisiko darstellen. Peter Harrison, Group CEO von Schroders, formulierte es 2023 in einem Interview so: \u201eDie Kontrolle nachhaltiger Produkte ist mittlerweile so streng, dass jeder Fehler bei der Offenle-gung erhebliche Folgen haben kann.\u201c<\/p>\n<p>Nicht zuletzt schafft die SFDR-Reform regulatorische Unsicherheiten, weil zentra-le Elemente des neuen Systems noch nicht endg\u00fcltig definiert sind. Das betrifft sowohl Produktkategorien als auch Reporting-Pflichten und \u00dcbergangsfristen. Es geht um die neuen Kategorien \u201eSustainable\u201c, \u201eTransition\u201c und \u201eImpact\u201c. Hier sind die Definitionen noch nicht fertig, die Schwel-lenwerte noch unklar und die Interaktion mit der Taxonomie nicht eindeutig. F\u00fcr Asset Manager bedeutet das: Sie wissen nicht, wie sie bestehende Artikel-6\/8\/9-Fonds k\u00fcnftig klassifizieren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Auch wenn der Nachhaltigkeitsbegriff offenbar ein Moving Target ist, w\u00fcnscht sich Tra: \u201eFonds, die sich ein Nachhal-tigkeitskonzept gegeben haben, sollten ihre gesteckten Ziele dauerhaft erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Wenn es einen Strategie-Drift gibt, stellt sich die Frage: Passt dieser Fonds mit seiner neuen Strategie noch zur Zielsetzung des Kunden? Falls nicht, sollte er konsequent ausgetauscht werden.\u201c<\/p>\n<h3><strong>Geopolitische Realit\u00e4t<\/strong><\/h3>\n<p>Auch die geopolitischen Umbr\u00fcche der letzten Jahre haben dazu gef\u00fchrt, dass Nachhaltigkeitskonzepte anders gesehen werden als zuvor. Viele Ausschlusslisten wirken pl\u00f6tzlich unzeitgem\u00e4\u00df, wenn es um R\u00fcstung, Energie oder kritische Rohstoffe geht. Angesichts der politischen Realit\u00e4t kam es 2023 zur \u00d6ffnung f\u00fcr R\u00fcstungs-unternehmen in Artikel-8-Fonds.<\/p>\n<p>Anja Mikus, Vorstandsvorsitzende und CIO des KENFO \u2013 Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung, erkl\u00e4rt im Interview (in diesem Heft): \u201eWaffen sind f\u00fcr uns nicht nachhaltig, aber die geopoli-tische Lage hat sich stark ver\u00e4ndert, und Verteidigungsf\u00e4higkeit wird als Notwendig-keit angesehen. Daf\u00fcr sind umfangreiche Investitionen in R\u00fcstung erforderlich. Das kann man als Staatsfonds nicht ignorieren. Deshalb k\u00f6nnen wir seit Mai dieses Jahres unter bestimmten Voraussetzungen in R\u00fcs-tungsunternehmen aus Europa investieren.\u201c Waske sieht das anders: \u201eSolange Kriege weit weg sind und die Wirtschaft l\u00e4uft, ist ein Wertediskurs ein Luxus, den man sich g\u00f6nnen kann. Kommt der Krieg vor die Haust\u00fcr und steht eine gr\u00f6\u00dfere wirtschaftli-che Umw\u00e4lzung an, wird der Wertediskurs essenziell.\u201c Sie findet, dass die Themen Verteidigung und Rendite derzeit wie ein Brennglas wirken: \u201eWill ich mit meinen Investments verantworten, dass Menschen get\u00f6tet werden? Wohl kaum. Kann ich sicherstellen, dass das nicht passiert? Dass sich diese Waffen irgendwann buchst\u00e4blich und im \u00fcbertragenen Sinne gegen mich selbst richten? Nein. Ein Dilemma. Wenn ich mich in meinen Investments aber nicht selbst klar dazu positioniere, dann wird es derjenige tun, der mein Geld f\u00fcr mich verwaltet \u2013 nur ohne dass ich selbst noch Einfluss darauf aus\u00fcben kann.\u201c<\/p>\n<p>Tra beobachtet, wie die Region und die jeweilige geopolitische Lage beim Narrativ f\u00fcr Nachhaltigkeitsthemen eine Rolle spielen: \u201eBeispielsweise spielen in Europa Ressourcensicherheit, Energieautarkie und Sicherheit der Lieferketten eine gr\u00f6\u00dfere Rolle. Diese Ausweitung liegt daran, dass wir in Europa eher ressourcenarm sind.\u201c Ein Produktbeispiel, das zu diesem Streben nach Resilienz und Unabh\u00e4ngigkeit passt, ist der Fonds UniThemen Europ\u00e4ische Autonomie, der im April 2026 aufgelegt wurde. Die Strategie investiert in Unter-nehmen, die die wirtschaftliche und technologische Souver\u00e4nit\u00e4t Europas st\u00e4r-ken. Nicht nachhaltig, aber nah am Thema.<\/p>\n<h3><strong>Schwieriger Ausstieg<\/strong><\/h3>\n<p>Trotz der an vielen Stellen ge\u00e4nderten Sicht-weise bleibt es ein schwieriges Unterfangen, in Sachen Nachhaltigkeit den R\u00fcckw\u00e4rts-gang einzulegen. Zum einen, weil viele institutionelle Mandate langfristig ESG-gebunden sind und ein Ausstieg den Gremien schwer zu vermitteln w\u00e4re.<\/p>\n<p>In der \u00d6ffentlichkeit k\u00f6nnte ein sichtbarer ESG-R\u00fcckzug als \u201eAbkehr von Verantwor-tung\u201c interpretiert werden und w\u00e4re bei schlechter Kommunikation wom\u00f6glich toxisch. Au\u00dferdem wurden inzwischenviele Investmentprozesse so tief in ESG-Daten und -Screening-Tools integriert, dass eine Entfernung operativ ein komplexes Unterfangen w\u00fcrde.<\/p>\n<h3><strong>\u00c4nderung der Strategie<\/strong><\/h3>\n<p>Trotz aller Schwierigkeiten beim Zur\u00fcck-rudern gibt es konkrete Beispiele, wie Investoren ihre ESG-Strategien ge\u00e4ndert haben \u2013 nicht nur still und leise, sondern auch \u00f6ffentlich. Beispielsweise zog sich der niederl\u00e4ndische ABP aus seinen strengen Klimazielen zur\u00fcck. W\u00e4hrend der Pen-sionsfonds 2021 noch den vollst\u00e4ndigen Ausstieg aus fossilen Energien ank\u00fcndigte, erfolgte 2023\/24 die Korrektur: Fokus auf Transition und Engagement statt Divest-ment. ABP erkl\u00e4rte: \u201eAusschl\u00fcsse allein bringen die Welt nicht voran. Wir m\u00fcssen Unternehmen beim Wandel begleiten.\u201c PFZW, einer der gr\u00f6\u00dften Pensionsfonds der Niederlande, reduzierte 2023 seine Ausschlusslisten, insbesondere bei \u00d6l-und Gasunternehmen. Das Management begr\u00fcndet: \u201eWir haben gelernt, dass strikte Ausschl\u00fcsse nicht immer die beste Wir-kung erzielen.\u201c Der Versicherer KLP aus Norwegen lockerte 2024 seine Aus-schl\u00fcsse im Bereich Verteidigung und begr\u00fcndet: \u201eSicherheit ist ein Teil der Nachhaltigkeit. Das war fr\u00fcher nicht Teil des ESG-Diskurses.\u201c<\/p>\n<p>Graeber sieht hier auch Opportunismus der Regulatoren: \u201eEs gibt eine gewisse Ten-denz zur Opportunit\u00e4t \u2013 im Sinne von: \u201eWas politisch und \u00f6konomisch gewollt ist, wird nachtr\u00e4glich als \u201anachhaltig\u2018 geframt.\u201c Ihm sind zwei Punkte wichtig: \u201eESG ist kein statisches Konzept: Klimakrise, Krieg, Lieferkettenprobleme \u2013 all das ver\u00e4ndert die Diskussion. Dass Regulierung diese Dynamik widerspiegelt, ist legitim.\u201c Sei-ner Meinung nach liegt das Problem in der Kommunikation: \u201eWenn nahezu alles unter \u201aNachhaltigkeit\u2018 f\u00e4llt, fehlt die Dif-ferenzierung. Hier sind aus unserer Sicht klare, mehrstufige Label wie in der \u00fcber-arbeiteten SFDR (Transition, Sustainable und Basic) sinnvoller.\u201c Die Konsequenz f\u00fcr sein Haus: \u201eWir erf\u00fcllen die Regulatorik auf Grundlage unserer Nachhaltigkeitsstra-tegie, der wir treu bleiben. Diese Klarheit und Best\u00e4ndigkeit sind wichtig, um keine Glaubw\u00fcrdigkeit zu verlieren \u2013 gerade gegen\u00fcber Kirchen, Stiftungen und ande-ren werteorientierten Anlegern.\u201c<\/p>\n<h3><strong>Ausstiege aus B\u00fcndnissen<\/strong><\/h3>\n<p>Indes kam es bei einigen Nachhaltigkeits-b\u00fcndnissen zum Mitgliederschwund. 2023\/24 traten mehrere gro\u00dfe H\u00e4user aus der Net Zero Asset Managers Initiative (NZAM) aus: J.P. Morgan AM, State Street Global Advisors, Invesco und teilweise auch Schroders. Als Begr\u00fcndung l\u00e4sst sich ver-nehmen: \u201eDie Vorgaben sind politisch aufgeladen und operativ kaum umsetzbar.\u201c Auch die Net Zero Insurance Alliance (NZIA) verzeichnet Austritte. 2023 verlie-\u00dfen fast alle gro\u00dfen Versicherer das B\u00fcndnis: Allianz, Munich Re, Swiss Re, Zurich, Axa. Die Begr\u00fcndung: \u201eKartell-rechtliche Risiken und politische Angriffe machen eine Mitgliedschaft unm\u00f6glich.\u201c Auch Banken reduzierten ihre Verpflichtun-gen und treten aus der Net Zero Banking Alliance (NZBA) aus. Ein britischer Banker sagt dazu: \u201eWir k\u00f6nnen keine Klimaziele versprechen, die regulatorisch oder geopoli-tisch nicht haltbar sind.\u201c<\/p>\n<p>Graeber sieht aber auch eine Tendenz zu einer Jetzt-erst-recht-Mentalit\u00e4t: \u201eUnter pas-sioniert nachhaltigen InvestorInnen sp\u00fcren wir vor dem Hintergrund des breiteren ESG-Backlash eine Jetzt-erst-recht-Mentalit\u00e4t. Der Fokus liegt ganz klar auf gemeinsa-men Initiativen, um \u00fcber eine Koalition von Willigen etwas entgegenzusetzen. Dabei sind gemeinsame Engagements ein probates Mittel.\u201c Er verweist auf Investo-rengruppen, die weiterhin sehr strikte Ausschlusskriterien verfolgen, oft deutlich strenger als die SFDR-Mindestanforderun-gen: \u201eKirchen, kirchliche Einrichtungen und Orden beispielsweise orientieren sich am EKD-Leitfaden. Aber auch Stiftungen mit klaren Satzungszwecken und bestimmte Pensionskassen und Versorgungswerke haben f\u00fcr sich strenge Ausschl\u00fcsse defi-niert.\u201c Er erg\u00e4nzt: \u201eViele Investoren sch\u00e4tzen Investitionsm\u00f6glichkeiten, die klar und nachvollziehbar einen Nachhaltigkeitsnut-zen bringen. Hierzu z\u00e4hlen beispielsweise Investitionen in Erneuerbare-Energien-Pro-jekte oder W\u00e4rmenetze mit regenerativen Energiequellen.\u201c<\/p>\n<p>Auch Waske sieht weiterhin Enthusiasmus f\u00fcr ethisches Investieren: \u201eInvestieren nach ethischen Ma\u00dfst\u00e4ben ist ja keine Erfin-dung des 21. Jahrhunderts. Kirchliche beziehungsweise religi\u00f6se Investoren sind ein bekanntes Beispiel. Arete Ethik Invest investiert seit 1995 f\u00fcr ihre Kunden aus-schlie\u00dflich ethisch, und das wird auch so bleiben. Wir nutzen dabei nicht nur Aus-schlusskriterien.\u201c Sie erkl\u00e4rt das Vorgehen: \u201eJeder einzelne Titel in unseren Portfolios wird von einem wissenschaftlichen Ethik-Komitee diskutiert, und es ist das Komitee, das entscheidet, ob ein Titel ins Anlageuni-versum aufgenommen wird. Schlie\u00dft ihn das Ethik-Komitee aus, darf nicht investiert werden. Das hei\u00dft aber nicht, dass wir Argumente, die f\u00fcr eine Aufnahme spre-chen, nicht gepr\u00fcft haben. Es bedeutet, dass ein vernunftgeleitetes, wissenschaftliches Abw\u00e4gen aller Argumente eine Aufnahme ins Universum nicht gestattet hat.\u201c<\/p>\n<h3><strong>Was institutionelle Investoren jetzt tun k\u00f6nnen<\/strong><\/h3>\n<p>Trotz der Enthusiasten gibt es auch Investoren, die am liebsten den R\u00fcckw\u00e4rtsgang einlegen w\u00fcrden, dies aber nicht \u00f6ffentlich tun k\u00f6nnen. F\u00fcr sie gibt es Strategiem\u00f6g-lichkeiten, die dennoch denkbar sind:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>ESG-Strategie entpolitisieren:<\/strong> klare Kriterien statt moralischer Debatten.<\/li>\n<li><strong>Flexibilit\u00e4t<\/strong> <strong>einbauen:<\/strong> Es werden neue SFDR-Labels kommen, die breiter aus-legbar<\/li>\n<li><strong>Engagement<\/strong><strong> st\u00e4rken: <\/strong>St\u00e4rkerer Fokus auf die aktive Einflussnahme anstatt auf starre Ausschl\u00fcsse. Wom\u00f6glich ver-\u00e4ndern starre Ausschl\u00fcsse weniger als begleitende<\/li>\n<li><strong>Definition einer Exitstrategie: <\/strong>Wer seine ESG-Ziele reduzieren m\u00f6chte, braucht neben einer klaren Kommunikation auch abgestimmte Mandats\u00e4nderungen und eine konsistente Reporting-Logik.<\/li>\n<\/ul>\n<h3><strong>Viele Profiteure<\/strong><\/h3>\n<p>Dass es bei vielen Einrichtungen nicht zum Exit aus dem Nachhaltigkeitsstreben kommt, muss nicht ausschlie\u00dflich morali-sche Beweggr\u00fcnde haben. Es liegt auf der Hand, dass es viele Profiteure der Nach-haltigkeitsbewegung gibt: Datenanbieter verkaufen neue Datensets, Asset Manager managen ESG-Fonds, Konferenzorganisa-toren bieten Events zum Thema an, Medien berichten dar\u00fcber und verkaufen Anzeigen, Akademien bilden entsprechende Experten aus, und Consultants und Anw\u00e4lte haben ein neues Themenfeld, das gen\u00fcgend Komplexit\u00e4t bietet. Nicht zu vergessen die vielen attraktiven Stellen, die bei den Unternehmen eingerichtet wurden. Wel-cher Nachhaltigkeitsbeauftragte w\u00fcrde schon gern das Thema Nachhaltigkeit in die Versenkung schicken? Angesichts dieser zahlreichen Profiteure stehen viele Kr\u00e4fte gegen die Abschw\u00e4chung des The-mas. Allenfalls mit einer Abwandlung l\u00e4sst es sich leben, zumal diese das Potenzial hat, wieder weitere Arbeiten und Auftr\u00e4ge zu generieren.<\/p>\n<p>Als Fazit bleibt: Der Nachhaltigkeitsbegriff hat sich in den letzten noch nicht einmal zehn Jahren fundamental ver\u00e4ndert: von moralisch zu strategisch; von Ausschluss zu Transition; von Idealismus zu Risiko-management; von statisch zu geopolitisch. Und das Thema hat \u2013 neben dem Planeten \u2013 viele Profiteure.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Institutional Money &#8211; 2026 Keine acht Jahre ist es her, dass das EU\u2011Sustainable\u2011Finance\u2011Paket verabschiedet wurde. Seither befindet sich das Thema Nachhaltigkeit im Wandel. Es gibt Investoren, die die Priorit\u00e4t des Themas etwas herunterstufen wollen und \u00fcberlegen, wie sie das kommunizieren sollen. Wom\u00f6glich gibt die SFDR 2.0 Gelegenheit dazu. 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