{"id":63521,"date":"2026-09-22T03:37:08","date_gmt":"2026-09-22T07:37:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cambridgeassociates.com\/?p=63521"},"modified":"2026-09-24T11:07:50","modified_gmt":"2026-09-24T15:07:50","slug":"timeout-162-wie-wird-verteilt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cambridgeassociates.com\/de\/insight\/timeout-162-wie-wird-verteilt\/","title":{"rendered":"Timeout 162: Wie Wird Verteilt?"},"content":{"rendered":"<p>Kapitalmarktrenditen von Schweizer Pensionskassen fielen in den letzten Jahren vor allem dank Aktien hoch aus. Hohe Renditen von Pensionskassen wecken bekannterma\u00dfen Begehrlichkeiten, insbesondere bei \u00e4lteren Versicherten mit umfangreichem angespartem Alterskapital. Hohe Verzinsungen zulasten von Reserven wirken sich allerdings auch auf die langfristige Verteilungsgerechtigkeit innerhalb des Versichertenkollektivs einer Pensionskasse aus. Wir er\u00f6rtern in diesem Timeout wesentliche Zusammenh\u00e4nge und zeigen auf, weshalb \u201efaire\u201c Entscheidungen f\u00fcr Stiftungsr\u00e4te oft komplexer sind, als man auf den ersten Blick vermuten w\u00fcrde, und wieso sie im Rahmen der Strategiedefinition zu ber\u00fccksichtigen sind.<\/p>\n<h2>Einf\u00fchrung<\/h2>\n<p>Das Ziel der meisten Schweizer Pensionskassen (PKs) lautet, vereinfacht gesagt, allen Versicherten attraktive Leistungen zu bieten. Das beinhaltet hohe und sichere Renten sowie ad\u00e4quate Beitr\u00e4ge und passende Risikoversicherungen f\u00fcr die aktiv Versicherten. Wenig \u00fcberraschend helfen gute Renditen aus Kapitalmarktanlagen bei der Zielerreichung erheblich. Sie f\u00f6rdern aber auch Anspr\u00fcche und Begehrlichkeiten bei Versicherten und politischen Akteuren, vor allem wenn der Deckungsgrad einer PK hoch erscheint. Um sich gut gewappnet in Diskussionen und Debatten einbringen zu k\u00f6nnen, sind neben der erzielten Rendite auch demografische und strukturelle Fragen einer PK zu ber\u00fccksichtigen, wie z. B. die langfristig angestrebte H\u00f6he des Deckungsgrads (bzw. der Reserven) oder die Verteilungspolitik unter den Versicherten.<\/p>\n<h2>Der Deckungsgrad als Basis f\u00fcr das Renditepotenzial<\/h2>\n<p>Der Deckungsgrad einer PK setzt das Verm\u00f6gen auf der Aktivseite der Bilanz ins Verh\u00e4ltnis zu den abgezinsten k\u00fcnftigen Verpflichtungen auf der Passivseite. Ein Deckungsgrad von 110 % bedeutet, dass die PK s\u00e4mtliche heute erwarteten Verpflichtungen decken kann und zus\u00e4tzlich \u00fcber eine Reserve von 10 % verf\u00fcgt. Ein Deckungsgrad unter 100 % zeigt, dass das vorhandene Kapital nicht zur Deckung der abdiskontierten Verpflichtungen reicht, was fr\u00fcher oder sp\u00e4ter bessere Renditen oder Kapitaleinsch\u00fc\u00dfe und\/oder Anpassungen der Anlagestrategie erfordert. Nat\u00fcrlich h\u00e4ngt der Deckungsgrad auch vom verwendeten Diskontierungssatz (technischen Zins) ab, dieses Thema w\u00fcrde jedoch den Rahmen dieses Timeouts sprengen.<\/p>\n<p>Eine zentrale Funktion der Reserven besteht darin, m\u00f6gliche Kursschwankungen an den Finanzm\u00e4rkten aufzufangen und abzufedern, ohne dass die gew\u00e4hlte Anlagestrategie angepasst werden muss. Zudem tragen sie dazu bei,dass die vorgeschriebene Mindestverzinsung gew\u00e4hrleistet bleibt. Eine weitere, in den Medien \u00a0weniger h\u00e4ufig diskutierte Wirkung entfaltet sich auch auf die Rendite, weil der Deckungsgrad die Basis f\u00fcr die erzielte Rendite darstellt. Die Rendite wird n\u00e4mlich auf dem Gesamtverm\u00f6gen auf der Aktivseite und damit im Z\u00e4hler der Deckungsgradformel berechnet. Bei PKs mit Deckungsgraden \u00fcber 100 % wird auf den Reserven also ebenfalls Rendite erwirtschaftet, die voll und ganz den Versicherten zugutekommt.<\/p>\n<p>Ein einfaches Beispiel zweier PKs, A und B (beide in Perennit\u00e4t, d. h. Cashflows aus Beitr\u00e4gen sind gleich hoch wie Cashflows an Rentner), die beide identische Renditen mit ihren Anlagen erzielen, veranschaulicht die \u00dcberlegung: PK A habe ein Verm\u00f6gen von CHF 1&#8217;000 Mio. sowie einen Deckungsgrad von 125 % (sprich Verpflichtungen von CHF 800 Mio.) und erziele eine Rendite von 5 % in einem Jahr, d. h. CHF 50 Mio. Der Stiftungsrat entscheidet sich f\u00fcr eine Verzinsung von 5 %, womit der Deckungsgrad und der Umfang der Reserven unver\u00e4ndert bleiben. PK B habe identische Verpflichtungen, aber ein Verm\u00f6gen von nur CHF 800 Mio. und damit einen Deckungsgrad von 100 %. Der Stiftungsrat entscheidet sich ebenfalls f\u00fcr eine Verzinsung von 5,0 %. Dies entspricht einer Aussch\u00fcttung von nur CHF 40 Mio. (CHF 10 Mio. weniger als bei PK A) und einem unver\u00e4nderten Deckungsgrad von 100 %. A kann also mehr aussch\u00fctten, weil die Rendite von 5,0 % auf einer h\u00f6heren Basis (CHF 1&#8217;000 Mio. statt CHF 800 Mio.) erzielt wurde.<\/p>\n<p>Im Folgejahr erzielen die beiden PKs nur eine Rendite von 1% und im dritten Jahr dann wieder 3%. PK A durchl\u00e4uft diese schwierigere Phase problemlos und ger\u00e4t nie in Bedr\u00e4ngnis, die Mindestverzinsung von 1,75 % p. a. auszusch\u00fctten. Die Reserven erm\u00f6glichen es ihr, die Verzinsung \u00fcber alle drei Jahre \u00fcber dem Mindestzins zu halten, indem sie ihren hohen Deckungsgrad zugunsten der Verzinsung leicht abnehmen l\u00e4sst. PK B ist hingegen im zweiten Jahr gezwungen, \u00fcber Sanierungsma \u00dfnahmen nachzudenken, wie z. B. Beitragserh\u00f6hungen, da die Verzinsung von 1,75 % den Deckungsgrad unter 100 % bringen w\u00fcrde. Und selbst wenn sie ohne Sanierungsma\u00dfnahmen durch das zweite Jahr geht, kann PK B im dritten Jahr nur eine geringere Verzinsung vornehmen als PK A, weil sie in erster Linie ihren Deckungsgrad wieder \u00fcber 100 % bringen muss.<\/p>\n<p>Der Kern der \u00dcberlegung liegt in der erzielten Rendite auf den Reserven. Daher sollte man sich gut \u00fcberlegen, ob man PKs mit einem hohen Deckungsgrad kurzfristig zu hohen Verzinsungen s\u00e4mtlicher Alterskapitalien zulasten von Reserven dr\u00e4ngen m\u00f6chte. Nat\u00fcrlich sind hohe Verzinsungen f\u00fcr \u00e4ltere aktive Mitarbeitende und Rentner in der kurzen Frist attraktiv, weil ihnen mehr Kapital gutgeschrieben wird. Aber f\u00fcr j\u00fcngere Beitragszahlende erscheinen langfristig stabile hohe Verzinsungen und ausreichende Reserven f\u00fcr eine attraktive Anlagestrategie wichtiger.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich befinden sich die wenigsten PKs in der Schweiz in Perennit\u00e4t, sondern sind mehr oder weniger \u201cjung\u201d oder \u201calt\u201d, weshalb bei Aussagen zur H\u00f6he von Reserven und Verzinsungen auch die Demografie und die Struktur einer PK in Betracht zu ziehen sind. Mehr dazu gleich, aber zuerst ein Wort zum Thema Verteilungsgerechtigkeit.<\/p>\n<h2>Wie wird verteilt?<\/h2>\n<p>Die zentrale Frage lautet also, wie das aktive Verm\u00f6gen einer PK \u00a0im Zeitverlauf auf alle Versicherten verteilt werden soll. Wie oben beschrieben, sind die Interessen der Versicherten weder identisch noch gleichgerichtet, denn sie h\u00e4ngen insbesondere auch vom Alter und vom angesparten Kapital ab. Deshalb sind die verschiedenen Aufgaben eines Stiftungsrats bei der Festlegung der Anlagestrategie, der H\u00f6he der Zielreserven und der Aussch\u00fcttungspolitik \u00fcber die Zeit komplexer, als man auf den ersten Blick meinen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Einerseits sollte ein Stiftungsrat die inh\u00e4rente Verteilungsgerechtigkeit innerhalb seiner PK \u00fcber Generationen hinweg sicherstellen und einzelne Generationen \u00fcber die Verzinsung nicht besser oder schlechter stellen als andere. Andererseits lassen sich Renditen an den Finanzm\u00e4rkten kaum planen oder prognostizieren, weshalb ein Stiftungsrat immer wieder mit entsprechenden Verteilungsfragen konfrontiert wird. Eine umfassende, langfristig ausgerichtete Strategie kann auch diese Fragen beantworten und nicht nur die aktuelle Verm\u00f6gensaufteilung \u00fcber Anlageklassen hinweg definieren.<\/p>\n<h2>Demografie und Struktur von PKs<\/h2>\n<p>Mit der Demografie einer Pensionskasse sind in der Regel alle Versicherten gemeint, d. h. aktive Beitragszahlende und Rentner, die entsprechenden Verh\u00e4ltnisse zueinander sowie relevante statistische Daten wie Geschlechterverteilung, Altersstruktur, Lebenserwartung etc. Die Struktur verweist hingegen auf Aspekte der Finanzierung der PK, d. h. Beitr\u00e4ge im Verh\u00e4ltnis zu Renten, Vorsorgepl\u00e4ne, Leistungen, Verzinsungen, Umwandlungss\u00e4tze und die Verm\u00f6gensanlagen selbst.<\/p>\n<p>Eine junge PK verf\u00fcgt \u00fcber mehr aktive Beitragszahlende als Rentner und erh\u00e4lt somit mehr Mittelzufl\u00fcsse als Abfl\u00fcsse. Das Verm\u00f6gen einer jungen PK steigt im Zeitverlauf, selbst wenn die Rendite der Verm\u00f6gensanlagen eher niedrig ausf\u00e4llt. Der Deckungsgrad einer solchen PK entwickelt sich bei einer erzielten Rendite nahe der Zielrendite im Normalfall aber nur leicht positiv. Der Grund liegt darin, dass auch die Verpflichtungen ansteigen und eine Rendite auf Augenh\u00f6he mit der festgelegten Zielrendite per Definition gerade ausreicht, um diese Verpflichtungen zu decken. Eine junge PK weist damit zwar mehr strukturelle Flexibilit\u00e4t auf als eine alte PK, was beispielsweise in Sanierungsf\u00e4llen bei Deckungsgraden unter 100 % wertvoll sein kann, weil die Mittelzufl\u00fcsse in die PK immerhin positiv sind. Aber der Deckungsgrad und die Reserven steigen nicht zwangsl\u00e4ufig \u00fcber die Zeit an, sondern nur dann, wenn Reserven bewusst aufgebaut werden.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber steht eine alte PK mit vielen Rentenbeziehenden und wenigen aktiven Beitragszahlenden. Diese sieht sich stets mit Mittelabfl\u00fcssen konfrontiert, weil mehr garantierte Renten ausgesch\u00fcttet werden m\u00fcssen, als an aktiven Beitragszahlungen in die PK einfliessen. Die strukturelle Flexibilit\u00e4t einer solchen PK ist gering, weshalb ein Unterschreiten des Deckungsgrads von 100 % nur schwer zu korrigieren bzw. zu sanieren w\u00e4re. Aber der Deckungsgrad sinkt deshalb nicht zwangsl\u00e4ufig dauerhaft, vor allem nicht, wenn positive Renditen mit den Verm\u00f6gensanlagen erzielt werden. Der Deckungsgrad kann sich sogar positiv entwickeln, wenn mehr Rentner einer fr\u00fcheren Mortalit\u00e4t erliegen als erwartet und die Verpflichtungen somit st\u00e4rker sinken als erwartet. Oder nat\u00fcrlich bei hohen Ertr\u00e4gen aus den Anlagen.<\/p>\n<p>Hinzu kommen Risiken im Versicherungskollektiv, d.h. einerseits die erwartete Langlebigkeit und andererseits die Risiken der aktiven Beitragszahlenden. Ebenfalls sind m\u00f6gliche \u201cCorporate Actions\u201d wie z.B. Abspaltungen von Teilgesch\u00e4ften des Arbeitgebers f\u00fcr die PK relevant, gerade wenn es um die n\u00f6tige Liquidit\u00e4t in einer PK geht.<\/p>\n<h2>ALM-Studien und konstruktive Diskussionen<\/h2>\n<p>Letztlich ist immer die spezifische Situation einer PK zu evaluieren. Das unterstreicht die Bedeutung einer fundierten Asset-Liability-Management-Studie (ALM-Studie), die \u00fcber die Definition einer reinen Verm\u00f6gensaufteilung auf Anlageklassen hinausgeht und nicht nur Fragen zur Langlebigkeit, sondern auch die langfristigen Verteilungsgerechtigkeit ber\u00fccksichtigt. Die H\u00f6he der Reserven und die Aussch\u00fcttungspolitik sind wesentliche Bestandteile einer langfristigen Strategie. Gerade in den letzten Jahren, in denen Kapitalbez\u00fcge bei PKs gegen\u00fcber lebenslangen Renten zunehmen, ist aus unserer Sicht eine fundierte Diskussion \u00fcber dieses Thema geboten.<\/p>\n<p>Kritische Leser m\u00f6gen sich an dieser Stelle fragen, weshalb wir uns bei Cambridge Associates zu diesem Thema \u00e4u\u00dfern, obwohl wir keine ALM-Studien anbieten. Der Grund liegt darin, dass das Thema Verteilungsgerechtigkeit und langfristige Planung von Cashflows auch bei zahlreichen anderen Kunden von uns aus den Bereichen Stiftungen und Family Offices von sehr hoher Bedeutung sind. F\u00fcr uns ist es zentral zu verstehen, welche individuellen Ziele und Anspr\u00fcche unsere Kunden in Bezug auf das Verh\u00e4ltnis von Kapitalaussch\u00fcttungen und Kapitalaufbau verfolgen. Dabei gibt es keine richtigen Antworten, sondern nur mehr oder weniger geeignete Strategien und Regeln, um die individuell gesetzten Ziele m\u00f6glichst effektiv, effizient und \u00a0zuverl\u00e4ssig zu erreichen.<\/p>\n<p>Angesichts der Skaleneffekte von PKs bei den Anlagen und der guten Diversifikation einiger uns bekannter PKs in der Schweiz l\u00e4sst sich sogar argumentieren, dass ein h\u00f6herer Kapitalbestand und eine langfristig \u00fcberdurchschnittlich hohe und stabile Verzinsung f\u00fcr Versicherte einer PK vorteilhaft sein k\u00f6nnen. Entsprechend sind manche in Medien erhobenen Forderungen nach h\u00f6heren Aussch\u00fcttungen von PKs angesichts der hohen Renditen an den Aktienm\u00e4rkten zwar nachvollziehbar, aber m\u00f6glicherweise nicht im Interesse aller Versicherten. Pauschale Vorw\u00fcrfe der Knausrigkeit von PKs erscheinen uns verfehlt, weil die Reserven jeder PK ebenfalls vollst\u00e4ndig investiert werden und somit ebenfalls in den vollen Genu\u00df positiver Renditen kommen. Die zentrale Frage lautet also nicht, ob Versicherte ihr Geld erhalten, sondern wann und in welchem Umfang.<\/p>\n<p><strong>Dr. Christoph Gort, Investment Managing Director<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kapitalmarktrenditen von Schweizer Pensionskassen fielen in den letzten Jahren vor allem dank Aktien hoch aus. Hohe Renditen von Pensionskassen wecken bekannterma\u00dfen Begehrlichkeiten, insbesondere bei \u00e4lteren Versicherten mit umfangreichem angespartem Alterskapital. Hohe Verzinsungen zulasten von Reserven wirken sich allerdings auch auf die langfristige Verteilungsgerechtigkeit innerhalb des Versichertenkollektivs einer Pensionskasse aus. 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